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Minute 23



Yvonn Barth

Uuch...oh Gott, mein Korsett! Es ist noch nicht zu. Egal. Ich dreh mich einfach so hin, dass die Herren es gar nicht sehen. Zwar hängt mein Kleid ein bisschen schief und irgendwie stimmt etwas mit dem Kragen nicht. Aber das ist jetzt überhaupt nicht wichtig. Ich drapiere einfach noch ein bisschen meinen Rock und schon kann ich mich ganz dem Folgenden hingeben.

Wie sie grinst. Sie spürt ihr offenes Korsett. Das wird deutlich, als Madame Dufour wiederholt an ihrem Spitzkragen nestelt.

Meine Güte, wie angenehm sich Madame Dufour fühlen muss. Das gesamte Gespräch, in diesem Fall eine Minute lang, sitzt sie sozusagen unbeengt und nicht eingeschnürt mit ihrer Tochter und was viel aufregender für sie scheint, mit zwei fremden jungen Männern in der Natur auf einer Wiese unter blauen Himmel.

Die Minute beginnt mit einer Einstellung, die alle vier Protagonisten zeigt. Henri steigt in diese Minute mit einem bedeutungsschwangeren Wetterbericht ein: „Es sieht nach Gewitter aus.“ Rodolphe ganz höflich: „Gestatten sie.“

Nachdem sich die Herren zu den Damen ins Gras gesellt haben, ist die Kamera nur noch auf Henriette, Madame Dufour und Rodolphe. Henriette sitzt in der Mitte. Madame Dufour scheint sichtlich entzückt von dem unterwarteten Herrenbesuch. Und plappert unbeschwert mit Rodolphe, der sich etwas unfair den Platz neben Henriette ergattern konnte. Henri kommt das erste Mal ins Bild, als er sichtlich genervt von den Bemerkungen Rodolphs die Augen verdreht und das Gesicht abwendet. In Großaufnahme und allein. Danach schaut der Betrachter wieder wie eingangs auf das Geschehen. Henriette in der Mitte von Rodolphe und ihrer Mutter. Ab diesem Zeitpunkt scheinen dem Zuschauer die Paare aufgeteilt. Und obwohl Henri nicht mit im Bild ist, scheint es, als sei sein Blick aus dem OFF der Grund für Henriettes Verhalten. Rodolphe und Madam Dufour unterhalten sich prächtig. Rodolphe der ein schmieriges Kompliment nach dem anderen aus dem Hemdsärmel zaubert und Madame Dufour, die sich nur zu gern davon einwickeln lässt. Dem gegenüber Henri und Henriette. Sie, die schon die ganze Zeit vollkommen unberührt von Rodolphes Lobhudeleien, ja fast abgestoßen davon, nervös und beschämt im Gras sitzt und sich sichtlich unwohl fühlt. Und Henri, der durch die zeigte Einstellung und Reaktion auf Henriettes Seite scheint. Als Henriette die Gelegenheit beim Schopfe packt, man kann beobachten, wie sich in ihrem Kopf die Idee entwickelt und sich im Zuge dessen ihr Gesicht langsam aufhellt, und Rodolphe das Wort abschneidet, sich mit einer Frage an Henri wendet, schwenkt die Kamera zu ihm und vervollständigt damit visuell die Gruppe.

Weshalb sind die Einstellungen so gewählt drei und eins?

Ein Versuch:

Henriette ist die Tochter von Madame Dufour und sie dient ihrer Mutter als Legitimation und Alibi für die Koketterie mit einem jungen Fremden. Ihr Bezug zu Rodolphe wird auch in dieser Minute klar (wenn man sich nicht den Film von beginn an angeschaut hätte). Sie ist das Objekt seiner Begierde. Und wenn man den Verlauf des Filmes kennt, ist einem der Bezug von Rodolphe und Madame Dufour klar.

Fast noch interessanter die Frage: Warum wird Henri abseits und in dieser Szene nie mit den anderen zusammen im Bild gezeigt. Von ihm geht eine seltsame Wirkung auf Henriette aus und vielleicht um dieses unbekannte, obskure, für sie neue Gefühl, das er in ihr auslöst filmisch zu beschreiben. Seine Präsenz, obwohl außerhalb des Bildes wird durch Henriettes Verhalten verstärkt. Auf sie wirkt diese sich offenbar physisch aus. Auch wenn Henriette es vielleicht selbst noch nicht weiß.

Ihr Durchbrechen von Rodolphes Monolog, ihre Frage an Henri nach den Booten und ihr plötzlicher Stimmungswandel hin zu einem euphorisch, kindlichen Wunsch eine Bootsfahrt zu machen, steht im Kontrast zu ihrer anfänglichen Befangenheit und Unsicherheit. Das Eis scheint gebrochen und Madame Dufours offenes Korsett steht als Metapher dafür am Anfang der Szene - einem Ausbruch aus der Enge des Kleinbürgerlichen, der Hingabe ihrer Gefühle.